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Wege aus der Motivationssenke

Motivation ist ein zartes Pflänzchen. Defensive Sprachregelungen sind bei seiner Kultivierung hilfreich und können sogar Erstaunliches bewirken.

Gerüchten zufolge kann man ein Pferd zwar zum Wasser zerren, trinken aber wird es nur, wenn es darauf Lust hat, sonst wird in der Regel nichts daraus. Während über Sinn und Unsinn solcher Binsenweisheiten gestritten werden kann, erscheint mir die Erkenntnis schon von großer Wichtigkeit, dass Motivation ein zartes Pflänzchen ist.

Jemanden zu motivieren stellt ein schwieriges Geschäft dar – wenn nicht gar ein unmögliches. Aber es wäre schon wunderbar, wenn man als Führungskraft doch wenigstens nicht demotivieren würde.

Im sprichwörtlichen Feuergefecht sind clevere Retourkutschen und verblüffende Kunstgriffe üblich. An Killersprüchen und unterschwelligen Scheinargumenten mangelt es nie. Was manche Führungskraft von sich gibt, vielleicht unbewusst oder aber gar vorsätzlich, ist oft der Sache wenig dienlich. In scheinbar harmlosen Redewendungen verstecken sich implizite Kränkungen. Die folgenden Beispiele verdeutlichen den Umstand:

  • „Sie haben ein falsches Selbstbild.“ Übersetzt: Ihr IQ ist im mittleren zweistelligen Bereich angesiedelt.
  • „Langsam ernährt sich das Eichhörnchen.“ Übersetzt: Warum sollte es dir besser gehen als mir?
  • „Das haben viele andere vor dir auch versucht.“ Übersetzt: Du hast ja echt keine Ahnung.
  • „Das wird schon seinen Sinn haben.“ Übersetzt: Du kleine Leuchte, du störst nur.
  • „Man muss seine Erwartungshaltung drosseln.“ Übersetzt: So weit, wie du denkst, wirst du nie kommen; aus dir wird nie etwas werden.

Der letzte Spruch ist mein „Liebling“. Wenn der geneigte Leser bei dem Beispiel nicht rotsieht, dann läuft in seinem unmittelbaren Geschäftsumfeld etwas schief. Manchmal handelt es sich um einen unglücklichen Umstand, wenn zum Beispiel schlicht kein Geld vorhanden ist, um Probleme effektiv anzupacken. Manchmal geht es um Einzelpersonen im Umfeld; vielleicht hilft dann das Buch „Der Arschloch-Faktor“, in dem der Autor aufzeigt, dass manche Geschäftsbeziehungen nun einmal nicht zu retten sind.

Scheinbar clevere Sprüche gehören in die Ecke „Dialektik“ (siehe Artikel über dialektische Kunstgriffe). Persönlich tut es mir weh, wenn Menschen einander so etwas antun. Nicht nur, weil Demotivation einfach widerlich ist, sondern vor allem deshalb, weil die Motivation die Welt regiert. Neben der menschlich-persönlichen Ebene ist es eine Katastrophe für die Gesellschaft, wenn wir unser Potenzial nicht ausschöpfen. Was kostet es uns, einmal andere zu höheren Leistungen zu ermutigen, Schranken zu durchbrechen, scheinbar Unmögliches zu wagen? Nur ein eingefleischter Misanthrop kann solch einen Aufruf ins Lächerliche ziehen.

Dabei können auch kleine Impulse, ähnlich dem Schmetterlingseffekt, große Wirkung erzielen. „Am Anfang war das Wort“, heißt es, aber nicht jedes Wort ist gleichermaßen hilfreich. Das fängt schon beim allgemeinen Sprachgebrauch an. Negativität ist in unsere Sprache eingebettet und wirkt im Verborgenen. Das können wir ändern, wenn wir es wollen. Wir können klein anfangen, und ich bin sicher, der geneigte Leser kann sich selbst überzeugen, dass es in seinem Umfeld Wunder bewirken kann.

Sogar wenn wir partout nicht mehr positiv denken können, dann sollten wir wenigstens die anderen verschonen und zumindest nicht pauschal negativ zu sein versuchen. Wenn wir schon nicht begeistert sind, dann bleiben wir doch defensiv. Hier eine Kostprobe einer verbesserten, konstruktiveren Kommunikationsstrategie:

  • „Das geht nicht.“ Besser: „Das haben wir noch nicht versucht.“
  • „Das ist Schwachsinn.“ Besser: „Das ist ein ungewöhnlicher Ansatz.“
  • „Das bringt nichts.“ Besser: „Das könnte man sicherlich verbessern.“
  • „Das schaffst du nicht.“ Besser: „Ich helfe gerne, wenn ich kann.“

Derartige Redewendungen mögen flach und nicht zielführend erscheinen, aber sie wirken in allen Beteiligten weiter, und Sie verlieren doch keinen Penny dabei, also, was hindert Sie?

Wenn man das sprichwörtliche Pferd auch nicht zum Trinken zwingen kann, so sollte man es doch wenigstens nicht verscheuchen. Dies ist umso wichtiger, je komplexer sich die Materie gestaltet. Es wird zum Beispiel gemunkelt, dass ein „guter“ Softwareentwickler das Zehnfache eines „schlechten“ Softwareentwicklers mit vergleichbarer (akademischer) Ausbildung schaffen kann. Es ist absurd anzunehmen, dass dieser Unterschied am objektiven Können liegt. Steckt ein Entwickler dauerhaft in einer „Motivationssenke“ – sprich: Es wird Dienst nach Fortschrift verrichtet –, dann helfen keine Promotionen, kein Geld und keine hochtrabenden Titel.

Wenn aber das Pferd es will, dann wird es nicht nur von alleine kommen und das Wasser trinken, es wird seinen Besitzer auch noch bereitwillig zu einem Spaziergang einladen.

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Über den Autor

Roman MildnerRoman Mildner is ein zertifizierter Projektmanager (PMP), Berater bei der United Mentors und Buchautor. Er arbeitete seit 1992 in der IT-Branche und ist seit 1998 ein Managementberater. Zu seinen Beratungsschwerpunkten gehören IT-Strategieberatung und Prozessverbesserung, insbesondere im Bereich von Automotive SPICE. Weitere Details finden Sie auf seiner United Mentors-Seite.

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