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Ist Automotive SPICE noch relevant?

Automotive SPICE® (oft liebevoll „ASPICE“ genannt), die Prozessqualitätsbewertungs- und Prozessverbesserungsmaßnahme, erlebte Mitte des vergangenen Jahrzehnts einen regelrechten Boom. Nach 15 Jahren seiner Existenz stellt sich die Frage, wie es um den Standard gegenwärtig steht.

Wenn man auf Wikipedia den Begriff „Automotive SPICE“ sucht, stellt sich erstaunlicherweise heraus, dass es nur zwei Seiten zu dem exakten Thema gibt: deutsch und japanisch. Geht man also rein nach der Popularität, scheint der „internationale“ Standard nicht sonderlich weitverbreitet zu sein.

Die vormals populäre Alternative zu ASPICE war CMMI (Capability Maturity Model Integration), die inzwischen langsam in der Versenkung verschwindet, wie Google Trends belegt:

CMMI – Suchbegriff-Popularität

Derselben Quelle zufolge scheint die ASPICE-Fraktion, wenn auch nicht sensationell populär, so doch zumindest recht erfolgreich zu sein:

Automotive SPICE – Suchbegriff-Popularität

Interessant ist, dass chinesische Hersteller offenbar nicht zu den größten Interessenten am ASPICE-Standard gehören:

Automotive SPICE – Popularität nach Region

Während japanische Autohersteller offensichtlich hohes Interesse zeigen, überrascht die US-Autoindustrie mit einer schwachen Aktivität in der Google-Statistik beim Thema ASPICE.

Motor Vehicle Prod share RITA T1-23

Automobilhersteller nach Volumen (s. Quelle)

Das Gesamtbild erscheint daher durchwachsen. Wenn die chinesische Automobilwirtschaft wenig Interesse an Qualitätsstandards wie ASPICE zeigt, ist dieser dann nicht – zumindest relativ gesehen – dem Standard-Tod geweiht?

Hier sind Probleme und Störfaktoren, mit dem ASPICE zu kämpfen hat:

Mangelnde Internationalität. Fakt ist, dass ASPICE zum erdrückenden Anteil Deutsch ist, und es scheint relativ wenig Interesse an der internationalen Zusammenarbeit zu geben. Während es zuerst zwei Qualifizierungsschemata gab – INTACS (International Assessor Certification Scheme) und IntRSA (International Registration Scheme for Assessors) –, ist IntRSA nicht mehr relevant, zumindest im Kontext von ASPICE. Man kann vereinfachend sagen: INTACS ist vorwiegend eine deutsche Gruppe, während IntRSA „den Rest der Welt“ abdeckt. Letztendlich zeigt auch die Google-Trends-Grafik oben, dass ASPICE ein relativ schmales globales Profil darstellt.

Weitergehende Standards. Funktionale Sicherheit nach ISO 26262 hat in den letzten Jahren erheblich an Popularität gewonnen:

Während ISO 26262 eine „saubere“ Prozesslandschaft fordert, mit besonderem Augenmerk auf Nachvollziehbarkeit (Traceability), stellt ASPICE keine zwingende Voraussetzung für die funktionale Sicherheit dar. Rein hypothetisch (möglicherweise sogar faktisch) kann man Fahrzeuge nach ISO 26262 entwickeln, während ASPICE ein „Nice-to-have“-Wunsch ist.

Die agile Herausforderung. Agilität (im Sinne der „agilen Entwicklung“) ist eine von führenden US-Beratern entwickelte Methodenfamilie, die in vielerlei Hinsicht ein Gegengewicht zum populären V-Modell von Barry Boehm darstellt. Der Widerspruch ist mehr ideologisch als faktisch, und eine Mixtur aus Methoden scheint sich langsam durchzusetzen (vorausgesagt von Barry Boehm vor über zehn Jahren). Trotz der Agilitäts-Diskussion beharren deutsche OEMs bedingungslos auf ASPICE-Konformität, was Zulieferer zu einem unangenehmen Spagat zwischen V-Modell und Agilität zwingt.

Das „Dritter Weg“-Problem. Wenn nicht CMMI und nicht ASPICE, welchen Standard fordern die chinesischen und die amerikanischen Hersteller dann von ihren Zulieferern? Dazu kenne ich keine umfassenden Untersuchungen, jedoch deutet die Erfahrung darauf hin, dass hautsächlich hauseigene Standards verlangt werden, während CMMI oder ASPICE eher als Feigenblatt genutzt wird.

Ineffizienzen innerhalb des ASPICE-Standards. ASPICE leidet ähnlich wie früher CMMI, CMM & Co. unter seiner Redundanz. Es ist aufgrund der natürlichen Struktur des Standards nicht ungewöhnlich, dass Assessment-Fragen mehrfach gestellt werden, insbesondere wenn die Berater noch nicht sehr erfahren sind. Andere Aspekte wie Nachvollziehbarkeit (Traceability) werden oft auf die Spitze getrieben, obwohl diese Vollständigkeitsforderung keinen nennenswerten Mehrwert bringt.

Während ASPICE mit solchen Unzulänglichkeiten zu kämpfen hat, wird der Unmut oft unüberhörbar, insbesondere dann, wenn die automobile OEMs selbst nicht immer eine Vorbildfunktion ausüben.

Ist ASPICE noch zu retten?

Es ist möglich, dass ASPICE zu einer Art „Zombie-Standard“ wird: zu wichtig, um zu sterben, und zu umständlich, um zu überleben. Die gute Nachricht (wobei man darüber streiten kann, ob es gut ist oder umgekehrt) lautet, dass zu ASPICE keine ernst zu nehmenden Alternativen existieren. Vielleicht ist ASPICE nicht so „sexy“ wie die Agilität, aber wir werden wohl noch lange damit leben müssen. Noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es zu ASPICE eine „gesundgeschrumpfte“ Variante geben wird. Bis dahin machen wir erst einmal wie gewohnt weiter.

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Über den Autor

Roman MildnerRoman Mildner, zertifizierter Projektmanager (PMP) und Mitglied im United Mentors Network (UMN), ist seit 1992 in der IT und seit 1998 als unabhängiger Berater und Projektmanager tätig. Zu seinen Beratungsschwerpunkten gehören IT-Strategieberatung, Projektmanagment und Prozessberatung. Weitere Details finden sich auf seiner UMN-Seite. (S. auch Google)

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