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Euphemismen säen Unheil

Tacheles reden ist offenbar unpopulär geworden, Hypes und Euphemismen scheinen auf dem Vormarsch zu sein. Das ist beunruhigend.

Man gewinnt zunehmend den Eindruck, als wäre es nicht mehr en vogue, Klartext zu reden. Ich habe das Thema neulich bereits angesprochen, und jetzt möchte ich unverblümt nachlegen – insbesondere weil die heute scheinbar allmächtig werdende politische Korrektheit Gegenseitiges zu gebieten scheint. In unserer freiheitlichen Gesellschaft machen sich schleichend Sprachverbote und Tabus breit. Nun lässt sich eine komplexe Argumentationskette aufbauen, warum bestimmte Wörter verboten werden sollten; jedoch drohen Sprachverbote die Effektivität der Wirtschaft zu behindern und können daher nur bedingt der guten Sache dienlich sein. Auch der nahe Verwandte der politischen Korrektheit, der Euphemismus, ist kritisch zu sehen. Man darf nicht mehr „feuern“ – man „führt dem Outplacement zu“. Aus „dumm“ wird „wenig hilfreich“. Es wird nicht angeordnet – es wird „mit dem Management abgestimmt“. Rauchen wird nicht verboten – es wird „örtlich limitiert“. Okay, das habe ich jetzt erfunden, aber wären Sie überrascht, wenn Gegenteiliges der Fall wäre, Hand auf Herz?

Was würden Goethe und Schiller sagen, wenn sie mit solchen Neologismen konfrontiert würden? Vermutlich nichts Salonfähiges.

Eine weitere Variante des mangelnden Klartexts sind gängige Management-Hypes. Beispiele:

  • Business Process Reengineering
  • Management by Objectives
  • Best Practices
  • Six Sigma
  • Matrix Management
  • Management by Consensus
  • Core Competence
  • Total Quality
  • Zero-Defect Strategy

Seltsamerweise ist das Konzept der „Effektivität“, zumindest meines Wissens, noch nie zu einer Modeerscheinung geworden. Anstatt Modebegriffen nachzulaufen, wären Nachdenken und Zielorientierung sicher angebrachter, wie das Kind nun auch immer heißen mag.

Dass übrigens die meisten Modeerscheinungen unter ihren englischen Begriffen bekannt sind, ist besonders pikant. Wenn etwas einen englischen Namen hat, dann kann es nur gut oder zumindest „cool“ sein – oder? Es ist kaum zu übersehen, dass „im Staate Dänemark etwas faul ist“, um es mit Shakespeares Worten zu umschreiben. Erstaunlicherweise scheint die berühmt-berüchtigte Cartoon-Figur „Dilbert“ einen sehr einsamen Kampf gegen diese Auswüchse zu führen. Die übrige Welt scheint das nicht zu stören.

Und so kommt es, wie es kommen muss: dass manche im Kern guten Ideen – und sind sie es nicht alle? – zu einer Farce verkommen.

Der aktuelle Hype heißt „Agilität“. Alles muss jetzt „agile“ sein, sonst ist es falsch, basta. Notfalls per Erlass. Das inzwischen in die Jahre gekommene „agile Manifest“ wird immer wieder als „die“ Lösung für alle Projektstrukturprobleme gehandelt. Da haben wir es wieder: Wenn man „agil“ ist, dann wird alles gut!

Wie soll aber ein Projekt, in dem Dokumentation gemäß der agilen Ideologie sekundär ist, zugleich vollständig konform sein mit ISO 9001, ISO/TS 16949, ISO 26262 und natürlich Automotive SPICE, wo doch diese Standards allesamt von umfassender Dokumentationspflicht leben? Die prompte Antwort lautet dann wohl, dass die oft so verhasste „Bürokratie“ eben „agil“ sein muss. Ist doch ganz einfach! Das hat natürlich für einen Autolieferanten zur Folge, dass die Quadratur des Kreises im automobilen Grundgesetz festgeschrieben wird. Die Lieferanten haben die Pappnase. Für fast jedes Projekt fordert der OEM-Projektleiter nun maximale Agilität, während der OEM-Qualitätsmanager, der oft am selben Tisch sitzt, genau das Gegenteil fordert. Da am Ende der Kunde immer Recht behalten muss, erscheint der Frust so mancher Entwickler durchaus verständlich.

Nun geht es nicht darum, die Agilität zu diskreditieren. Sie ist ein altbewährter Erfolgsfaktor. Wir brauchen Effektivität, und die ist allein mit ehrlicher Einsicht zu erreichen. Modebegriffe vernebeln nur die Sicht. „Am Ende des Tages“ geht es ja darum, dass das Endergebnis stimmt. Dazu müssen sich alle Parteien einigen und einen Kompromiss finden. So ist das schon immer gewesen – und wird es voraussichtlich immer bleiben, es sei denn, das Geld wird abgeschafft und durch Kieselsteine ersetzt.

Speziell in der Automobilbranche ist wenig Platz für Management-Hypes. Die immer kürzeren Produktionslebenszyklen erlauben es nicht. In anderen Branchen mag dem Thema mit größerer Gelassenheit begegnet werden. Manche besonders provokativen Autoren behaupten sogar, dass der Großteil aller Jobs intrinsisch sinnlos sei, wie Autor David Graeber im Buch „Bull**** Jobs“ (das Werk ist – noch – nicht auf Deutsch erschienen, aber recht unterhaltsam und somit empfehlenswert). Solche philosophischen Ansichten sind jedoch bei Fahrzeuglieferanten fehl am Platz. Das Bermuda-Dreieck, bestehend aus Kosten, Qualität und Terminvorgaben, erzwingt Sachlichkeit.

Ich wünschte, wir würden aufhören, Euphemismen zu frönen und von einem Hype zum nächsten zu hüpfen. Das Letzte, was wir in unserer hektischen Branche gebrauchen können, sind Management-Hypes, politische Korrektheit und überflüssige Euphemismen. Lassen Sie uns doch Klartext reden. Wenn Aufgaben und Rollen definiert sind, erledigt sich die Diskussion von allein. Wenn jedoch die Verantwortlichkeiten nicht eindeutig festgelegt sind, dann hilft eh alles nichts. Am Ende ist die gute, alte Effektivität das Einzige, was zählt, also das Endergebnis. Und es ist sogar auf Deutsch erhältlich.

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Über den Autor

Roman MildnerRoman Mildner is ein zertifizierter Projektmanager (PMP), Berater bei der United Mentors und Buchautor. Er arbeitete seit 1992 in der IT-Branche und ist seit 1998 ein Managementberater. Zu seinen Beratungsschwerpunkten gehören IT-Strategieberatung und Prozessverbesserung, insbesondere im Bereich von Automotive SPICE. Weitere Details finden Sie auf seiner United Mentors-Seite.

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